Ich habe geahnt, dass meine letzten beiden Artikel sehr kontrovers sind. Nun habe ich ein mail bekommen, das viele Fragen aufwirft. Ich finde Diskussionen über Lebensphilosophien sehr spannend und interessant, weshalb ich nochmals zu den unteren beiden Artikeln Stellung beziehen möchte.
Ein lieber Mensch hat mir unter anderem folgende Aussagen per mail geschickt:
Man kann diese beiden Leute nicht vergleichen. Eine Lehrerin, die so viele Leben berührt hat, kleine Kinder hat also auch da aktiv ist, jemand der noch voll im Leben steht und noch recht jung ist kann man nicht mit einer fast 80 jährigen zurückgezogen lebenden Frau vergleichen. Hat das Leben der Lehrerin mehr Wert als das Leben der Tante? Hat ihr Leben daher auch mehr Wert als meines, weil ich keinen Mann oder Kinder habe und sicher kein halbes Dorf zu meiner Beerdigung kommen würde? Hat ein Leben eines armen Menschen, der z.B. in Haiti im Erdbeben ums Leben gekommen ist und in seinem Leben nie viel erreicht hat, mehr Wert, als das von der Tante? Ich glaube, das können wir alle nicht beurteilen.
Nein, niemand kann den “Wert” eines Menschen beurteilen. Jedenfalls nicht den absoluten. Das wollte ich auch nicht. Ich hatte die Frechheit, dazu zu stehen, dass mir ein Mensch wertvoller ist als ein anderer. Und das möchte ich hier nochmals erklären.
Ich möchte nochmals auf den Wert zu sprechen kommen. Denn hier steckt eine Lebensphilosophie dahinter, die ich spannend finde zu diskutieren. Aus dem obigen Zitat lese ich verschiedene Aspekte des Wertes heraus. Wert soll sein, viele Menschen zu kennen, verheiratet zu sein und Kinder zu haben. Ich lese heraus, dass Menschen, die nicht in Europa oder den USA wohnen, nie ein solch wertvolles Leben wie wir haben können, weil sie nicht die gleichen Sachen erreichen können wie wir. So wie ich das Zitat verstehe, soll Wert an materiellen (im Sinne von fassbaren) Dingen gemessen werden.
Für mich geht es aber beim Wert um ganz was anderes. Und dies ist meine Lebensphilosophie. Ich bin mir bewusst, dass es noch unzählige andere Möglichkeiten gibt, quasi einen Sinn im Leben zu finden. Dies hier ist meine Interpretation vom Wert eines Menschen, wie er für mich alleine gilt. Für mich spielt es keine Rolle, wie abgeschieden ein Mensch lebt, ob er Kinder hat oder nicht, wie viele Menschen er kennt, in welchem Teil unserer Welt er wohnt. Für mich zählt der Mensch allein. Nicht die Sachen, die wir anhäufen, nicht die Stellen, zu denen wir uns hoch arbeiten, nicht die Armut, die uns umgibt definiert, wer wir sind. Wir sind das, was wir daraus lernen. Ich definiere mich nicht durch meinen Mann, meine Kinder, mein Haus, mein Amt oder meine Ausbildung. Ich wachse an all meinen Aufgaben und all diese Aufgaben formen mich und machen mich zu der Person, die ich jetzt bin.
Mein Leben hat mein Ich geformt. Und dieses Ich nimmt meine Umwelt wahr. Dieses Ich nehme ich von anderen Menschen wahr. Ich nehme die Freude, die Unbekümmertheit, die Schwere oder auch den Ballast wahr, den mein Gegenüber mit sich trägt. Und ich nehme wahr, wer bereit ist zu wachsen und vor allem auch nehme ich wahr, wer gewachsen ist, wer bewusst Fragen gestellt hat und für wen meine Zeilen kein unverständliches esoterisches Geschwafel sind. Dieser Reichtum an Leben und Weisheit berührt mich. Das ist für mich das Wertvolle an unser aller Leben. So kann mir ein Eremit, der sein Leben lang meditiert hat oder auch “nur” für sich alleine in seinem Hüttlein gehaust hat oder ein Ureinwohner, der im Rhythmus der Natur lebt, eine Bloggerin ohne Kinder, die jeden Tag geniesst, weil sie sich bewusst ist, wie wertvoll er ist einfach mehr geben und mich mehr berühren als Partykönig, der hunderte Menschen kennt. Nach einem Kontakt mit Menschen, die für mich wertvoll sind, gehe ich reicher und inspirierter heim – das ist berührend für mich und lässt mich manchmal einfach vor Glück weinen. Dies sind die Menschen, die für mich und mein Leben wichtig sind.
Das meinte ich mit Wert. Meine Tante hat mich nie im Innersten berührt, die Lehrerin meiner Tochter jedoch schon. Darum habe ich mir angemasst zu urteilen über den Wert der beiden Menschen. Natürlich sollte ich das nicht tun. Für mich persönlich ist jedoch die Lehrerin, die ich kaum gekannt hatte, trotzdem wichtiger als meine Tante.
Vielleicht werden Sie Sich jetzt fragen, ob Sie in meinen Augen wohl wertvoll sind oder nicht. Ob ich wohl alle Menschen so taxiere. Nein! Ich gehe offen und positiv auf alle Menschen zu und freue mich über die wundervollen Begegnungen mit Menschen, die so reich und tiefgründig sind, dass sie eine Bereicherung für mein Leben sind. Ich bewerte keine Menschen (auch wenn dies hier vielleicht so erscheint). Ich wollte nur eine Erklärung für meine Gefühle finden. Und die Extremsituation zweier Hirntumore in meinem Bekanntenkreis und der Tod liessen mich in Worte fassen, was bis jetzt nur als Gefühl oder vage Ahnung in mir vorhanden war.
Alle Menschen sind auf ihre Art wertvoll, nur die einen berühren mich damit und die anderen halt nicht.


Ich habe gerade Deine letzten Artikel gelesen und ich finde es sehr offen und aufrichtig, was Du uns mitgeteilt hast. Für mich ist es nicht verwerflich und anmaßend, was Du über die Lehrerin und Deine Tante geschrieben hast. Es sind Deine Gefühle und die kannst Du nicht ändern. Sicher wird es einige Menschen geben, die sich über diesen “Wert-Vergleich” aufregen, aber ich bin ziemlich sicher, daß jeder Andere es in seinem Inneren genauso macht wie Du es getan hast. Allerdings wirst Du wenige finden, die es zugeben! Der Mensch ist einfach so und dieses “Bewerten” ist alltäglich, egal um was es sich handelt! Danke für Deine Ehrlichkeit!
Viele Grüße von Katja
Vielen Dank liebe Katja für deinen Kommentar. Ich findes es schön, hast Du Dich “getraut”, hier zu antworten. Ich rede nämlich nie über so sehr persönliche Dinge und kann gar nicht abschätzen, was andere Leute denken. Und dass es da sehr viele verschiedene Ansichten gibt, das ist mir schon klar. Vielleicht auch so viele wie es Menschen gibt. Sicher hätte ich etwas weniger provokativ sein können. Nur war ich in dem Moment sehr emotional und das wollte ich nicht unterdrücken, denn das tue ich sonst schon immer.
Ich versuche eigentlich immer, Menschen nicht zu beurteilen. Und schlussendlich meinte ich Wert ja mehr im Sinne von Zuneigung meinerseits gegenüber anderen Menschen.
Ich danke auch dir für deine Ehrlichkeit!
Liebe Grüsse
Kaisa